Abstracts

Prof. Jens Wendland:

Über das Zueinander der Dinge – Dingkonstellationen als Ausgangsfiguren künstlerischer Praxis

Der in der Welt agierende Mensch: Der denkende, imaginierende, lustvolle, poetische, irrationale, liebende, getriebene, tastende, lachende, träge, spitzfindige, kotzende, schelmische, verzweifelte, zärtliche Mensch.

Subjekt und Welt sind dabei nicht gegeneinander abgegrenzt, sondern konstituieren sich in wechselseitiger Einflussnahme. Sie stellen ein unauflösbar Verwobenes dar, und dennoch ist Ihnen eine prinzipielle Geschiedenheit eigen. Daher kann auch nicht von einem Automatismus des Miteinander- Schwingens von Ich und Welt ausgegangen werden, sondern von einem erst zu entwickelnden und immer wieder neu zu belebenden Resonanzverhältnis. Künstlerische Praktiken sind ein zentrales Feld eines solches Austarierens von Einflussnahme und Aufnahme, von Impuls und Widerhall.

Über künstlerisches Praktiken reden meint, unser Weltverhältnis zu erörtern. Das Verweben von Ich, Du und Ding in einem spezifischen Moment soll hier als Herstellen von Situationen bezeichnet werden. In der Situation fallen die Akteure, Prozesse und Ziele des Handelns in Eins. Eine Aufteilung in Künstler und Rezipient, in Schaffensprozess und Werk wird obsolet.

Im Zusammenhang künstlerischen Agierens stellt sich die Frage nach Konstellationen, die in vornehmlicher Weise einen Möglichkeitsraum für das Entstehen von Situationen bilden. Gibt es Umstände, die dem Beginn des künstlerischen Handelns so vorangestellt sind, dass sie als Voraussetzung und Impuls zugleich verstanden werden können? Oder anders formuliert: Was geht einem In- Bewegung- Kommen voraus?

Der Versammlung der Dinge, die im Hier und Jetzt unser Verhältnis zur Welt grundieren, kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Im Netz der Beziehungen und Verweise sind sie es in ihren vielfältigen Konstellationen, denen die Qualität eines Auslösers zukommt. Die Dinge katapultieren uns aus dem Trott des Gewohnten heraus und lassen uns etwas Neues beginnen. Etwas rührt uns an und bringt das zum Klingen und zur Äußerung, was sich in uns angesammelt hat. Gedachtes, Erfundenes, Erahntes, Gefühltes und Erinnertes löst sich in einer formenden Geste. Wie müssen die Dinge geordnet sein, um zum treibenden Impuls einer solche Entklemmung, eines Freisetzens der uns eigenen Möglichkeiten, zu werden?

Aus der Vielzahl möglichen Kombinationen von Dingen blitzen hier drei starke, grundsätzliche Realisationen des Wie- Seins der Dinge in der Welt auf: die Akkumulation, die Absenz und die Korrelation. Diese Konstellationen der Dinge bilden einen Schwellenraum, der sich durch eine Differenz zum Gewohnten auszeichnet, Verdichtung, Lücke und Riss zugleich, und damit eine glückliche Schwachstelle im System bildet als Voraussetzung des Schöpferischen.